Am Pokertisch mit einem satten Plus aufzustehen, um sich dann trotzdem für die Heimfahrt Geld ausleihen zu müssen, gehört zu den verzichtbaren Abenteuern. Ich selbst habe da einige leidvolle Erfahrungen. Diesmal hatte ich mir Velden für meinen Galaauftritt ausgesucht. Sobald ich beim Pokern genug gewonnen hatte, stand ich auf, um wie von einem Magneten angezogen auf die gefährlichen anderen Verführungen zuzusteuern, die ein schönes Casino wie Velden bereithält.
Nach meiner Theorie braucht man ja am Pokertisch kein Glück. Da setzt sich gutes Spiel eben durch – wobei ich an diesen Satz auch nur glaube, wenn es gut läuft. Jedenfalls beim Roulette erfährt man definitiv mehr über die aktuellen Launen der Göttin Fortuna. Nach meinem Plan wollte ich einmalig € 2500 auf Schwarz setzen, um bei Verlust abzubrechen. Einmal ist natürlich keinmal und nach dem Verlust des ersten Satzes, wollte ich den Schaden wieder gut machen und dann abbrechen. Wieder verloren. – Eine dritte Chance hat jeder verdient auch das Casino. Wieder verloren und tatsächlich Abbruch für den Tag. Am nächsten Tag dasselbe (teuere) Spiel. Dreimal Rot, dreimal verloren.
Dritter Tag, dritter Versuch. Wieder die Pokertheorie vom guten Spiel, das sich auszahlt, aufgefrischt und aus den Fehlern der letzten beiden Tage gelernt. Es musste sich etwas ändern. Vielleicht lag es ja an dem unrunden und inkonsequenten Betrag. Wer rechnet sich schon mit einem Satz von € 2500 reelle Chancen auf ein Plus aus. Also erhöhte ich meinen Einsatz, aber trickreich wie ich nun mal bin, blieb ich bei Schwarz und was kam? – Richtig geraten, Rot!
Auf der Rückfahrt nach Wien hatte ich dann Zeit über mein (Casino)Leben nachzudenken. Irgendetwas musst ich mir da einfallen lassen, weil das System offenbar nicht ganz ausgereift war und es wahrscheinlich schlauer wäre – und billiger – nach dem Pokern meine Freizeit anderwärtig zu verbringen. Wobei das hatte ich mir eigentlich schon damals in Las Vegas vorgenommen und somit bin ich bei der Geschichte, die ich heute eigentlich erzählen wollte.
Es muss jetzt so zirka zehn Jahre her sein. Jedenfalls war der Pokerraum im Bellagio gerade eröffnet. Der höchste Tisch war prominent besetzt. Einerseits wahre Freier mit scheinbar unendlichen Finanzreserven und auf der anderen Seite die großen Haie wie Doyle Brunson, Chip Reese und heutzutage weniger bekannte Highroller. Auch dabei Mike Matusow, den ich anfangs nicht so ganz einschätzen konnte. Phil Hellmuth, Annie Duke und ein Spieler, den sie „The Greek“ nannten (vom dem erzähle ich ein anderes Mal mehr).
Damals hatte ich dieses Geldvernichtungssystem erfunden. Praktisch jeden Tag mit dem dicken Bündel vom High Limit aufgestanden und dann hinüber zu Seven-Eleven und Black Jack. Das habe ich mit so einer vernichtenden Konsequenz durchgezogen, dass das sogar dem Casino aufgefallen sein muss. Nur beim Pokern gewinnen bringt da nichts weiter, aber wenn man das Geld so vorteilhaft fürs Haus umwälzt, wird man zum Las Vegas VIP. Das freut und ehrt, sollte einen allerdings eigentlich ein wenig stutzig machen. Damals hat es mich nur gefreut.
Plötzlich musste ich nicht mehr zur Rezeption, sondern für meine Wünsche und Bestellungen gab es jetzt den VIP-Raum. Quasi eine Anlaufstelle für Sonderwünsche und Erledigungen aller Art. Ob Karten für eine Show, Rosen für ein Date usw. Flugtickets wurden einem besorgt und oft nicht einmal verrechnet und alles was das Herz noch so begehrt und wenn einem die jungen Damen vom VIP Raum ausnahmsweise einmal nicht helfen konnten, hatte man noch seine persönliche Betreuerin, die vom Hotel angehalten war, mir jeden erfüllbaren Wunsch praktisch von den Augen abzulesen.
Meine VIP- Betreuerin hieß Nancy Moranski. Attraktiv, bemüht und mit besten Kontakten in der Stadt. Es gab praktisch kein Restaurant, keine Fluglinie und keine Show, zu der Nancy nicht Kraft ihres Amtes für das Gewünschte sorgen konnte. Das galt selbstverständlich auch für das neue Programm des Cirque du Soleil. Für „Normalsterbliche“ quasi ein Ding der Unmöglichkeit an Karten heranzukommen. Und wie begehrt die Tickets waren, sahen wir Pokerspieler jeden Tag aufs Neue. In unmittelbarer Nähe zum High Limit Raum formierte sich eine lange Schlange von unentwegten Optimisten, die brav und geduldig auf die raren zurückgegebenen oder nicht abgeholten Karten warteten. – Fast immer erfolglos.
Für den wahren Highroller – besonders wenn er in VIP-Betreuung stand – war die Sache entsprechend leichter. Da galt es nur den Status der Bedeutung – gleichzusetzen mit dem Freier-Faktor bei Casinogames – in der Nähe zur Bühne zu messen. Für jede $50.000 Verlust mehr wurde man eine Reihe nach vorne gerückt.
Jedenfalls saß ich wieder vor einem Berg von Jetons zwischen Doyle Brunson und zwei Südamerikanern, die so spielten, als ob ihnen die Erdölreserven des Kontinentes gehören würden, als Nancy Moranski sichtlich stolz die High Limit Zone stürmte. In der Hand ein Kuvert mit zwei Tickets für den Cirque du Soleil. Und nicht irgendwelche Karten, sondern Premium Tickets in der vordersten Reihe.
Alle am Tisch gratulierten mir, aber nicht nur meine Gegner waren beeindruckt. Die allgemeine Freude schien sogar die zahlreichen Kiebitze anzustecken. Einer fiel mir besonders auf, er winkte mir zu, Daumen nach oben und auf dem Weg zum Waschraum sprach er mich dann an. Eine gute Freundin, nebenbei äußerst attraktiv und Single, sei für zwei Wochen in der Stadt und ihr sehnlichster Wunsch sei es, diese Show zu besuchen. Und ob ich für mein zweites Ticket schon eine Begleitung ins Auge gefasst hätte – Nun genau das war eigentlich mein Plan. Eine attraktive Frau (ob Single oder nicht, da wäre ich kompromissbereit) mit diesen Eintrittskarte ins Glück zu beeindrucken. Somit willigte ich ein und freute mich über diese Gelegenheit.
Am nächsten Tag war es soweit. Nancy hatte sich um meinen besten Anzug gekümmert. Ein neues Hemd, Schuhe frisch geputzt und pünktlich traf ich vor dem – richtig geraten – VIP Eingang des Theaters ein.
Viele Frauen in allen Alterklassen, aber kein einsamer Single auf den die Beschreibung passen könnte zu sehen. Ich fürchtete schon, meine unbekannte Schöne versäumt zu haben, da trat mein treuer Gratulant und ehrenamtlicher Kuppler aus dem Bellagio plötzlich hinter einer Säule hervor: „Keine Sorge, ich bin nicht ihr Date!“ Lautes Lachen, Schulter klopfen. „Meine Freundin muss gleich kommen, sie verspätet sich manchmal. Sie wissen ja wie das ist, mit den schönen Frauen.“ Ein weiteres breites Lachen, ein grenzwertig schmerzhaftes Schulterklopfen und dann standen wir da gemeinsam und schwiegen uns wartend an.
Irgendwann machte er mir dann den höflichen Vorschlag alleine draußen zu bleiben, ich solle schon einmal vorgehen. Ihm sei das peinlich und er habe doch seiner Freundin extra gesagt, sie solle sich beeilen. Nun, eine gute Idee, wie ich fand und es hat ja auch etwas romantisches, wenn man sich so im dunklen eines Theatersaales kennen lernt. Ich gab ihm das zweite Ticket, hetzte in die Vorstellung und kam gerade rechtzeitig zum fulminanten Start der Show. Alle Plätze waren selbstverständlich besetzt, nur der zu meiner Linken einsam und verwaist.
Allerdings nicht lange. Mit Schnaufen und Stöhnen bahnte sich eine der Las Vegas typischen Matronen ihren Weg durch die Reihen, um sich mit einem erleichterten Seufzer neben mir auf den freien Platz fallen zu lassen. Höflich wie ich nun mal bin, wartete ich ab, bevor sie ihr durch den ungewohnten Fußmarsch bedingte Sauerstoffschuld halbwegs atemtechnisch ausgeglichen hatte. „Sorry Sie sitzen auf einem reservierten Platz. Ich warte auf eine Freundin.“. Ihre Antwort in dem breiten Singsang der Südstaatenladys, die ihren Las Vegas Aufenthalt meist durchgehend vor den einarmigen Banditen verbringen: „Junger Mann. Sie irren sich. Das ist mein Platz!“ Und kramte aus ihrer unförmigen Riesenhandtasche das mir wohlbekannte Ticket hervor. Ich war im Moment sprachlos und mehr verwirrt als entrüstet. Geschmäcker sind nun mal verschieden und „attraktiv“ ist einfach ein subjektiver Begriff. Hoffentlich war sie wirklich Single, dachte ich mir, dann könnte sie mich aus Einsamkeit adoptieren und in Zukunft mein hart erpokertes Geld in die diversen Automaten stopfen und mir den Umweg über die Seven-Eleven Tische ersparen. Quasi familiäre Arbeitsteilung. Dann tupfte mich meine mögliche zukünftige Zweitmutter mit ihrem dicken Zeigefinger an die Schulter: „Ich kann es noch gar nicht glauben. So eine günstige Gelegenheit. Nur 150$ wollte der nette Mann für das Ticket haben. Dabei ist es so schwer überhaupt etwas für diese Show zu bekommen. Und schließlich sind das ja Premium Plätze“. „Ja, ich weiß“ sagte ich, um auch etwas zu sagen, aber sie unterbrach mich gleich wieder. „Wissen sie, heute ist glaube ich mein Glückstag“. „Meiner auch“ antwortet ich und tat das, was man als Spieler sowieso immer tun muss. Ich nahm es wie es kam und genoss die Show.
Am Heimweg von Velden fuhr ich an großen Plakaten vorbei. „Mama Mia“ startet in den österreichischen Kinos mit Pierce Brosnan und Meryl Streep. Den Film will ich unbedingt sehen und brauche sofort zwei Tickets. Ob ich in Velden anrufen kann und die kümmern sich darum, oder ist das ein Job für Nancy Moranski, wenn die mich nicht inzwischen vergessen und verstoßen hat? Egal, das mit den zwei Tickets werde ich auch alleine auf die Reihe bringen. Nur um die weibliche Begleitung kümmere ich mich lieber selber. Das wird sicher ein netter Abend. Man muss immer Optimist sein, weil immer alles schwarz zu sehen, ist keine gute Idee. (Nebenbei, immer auf Schwarz zu setzen auch nicht, und schon gar nicht sieben Mal nacheinander.)