Wirklich Neues aus Odessa. Eine Mutter die zumindest am Spieltisch ihren Sohn schonen möchte. Ein Eisbergsalat der besonderen Güte und fast friedlich vereinte Spieler, die gegen den Rest der Internetwelt antreten. Dazu der übliche Exkurs über die Hausregeln in Odessa. – Wie immer spaßig und lesenswert. Poker erobert den Planeten und Christoph Haller berichtet für PokerOlymp aus dem „Wilden Osten“.
Es ist eine Weile her seit meinem letzten Brief aus Odessa. Von meinem VIP-Empfang habe ich ja bereits berichtet . Nur es kommt noch viel besser! – Bei PokerOlymp erfuhr ich, dass sie Phil Hellmuth in die Poker Hall of Fame aufgenommen haben. Es sei ihm gegönnt, aber er ist nicht der erste dort und wird auch nicht der letzte bleiben. Mir ist hier in Odessa eine viel größere und exklusivere Ehre zuteil geworden! Man hat einen gemischten Salat nach mir benannt! Ernsthaft! Ich hatte da immer so meine Spezialwünsche „Paprika – bitte dünn geschnitten, Eisbergsalat, Oliven usw.“. Und auf der neuen Casinokarte hier gibt es jetzt den „Salat Christoph“. Zwar auf ukrainisch und in kyrillischer Schrift, aber um meinen Namen lesen zu können, so weit reichen meine Sprachkenntnisse inzwischen schon.
Kommen wir zu weiterem Erfreulichen. Kommen wir zum großen Spiel hier in Odessa. Endlich habe ich meine Form gefunden und auch mit den Hausregeln bin ich jetzt einigermaßen vertraut. Zum Beispiel, nach ukrainischem Lebensgefühl sind irrtümlich aufgedeckt Karten selbstverständlich gültig. Diese westliche Unart, etwa den zu früh aufgedeckten Turn umständlich wieder einzumischen, dann Karten verbrennen und den ganzen Schnickschnack. Wozu? Ein richtiger Mann setzt auch, wenn er weiß, dass er nicht mehr kaufen kann. Vielleicht sogar den doppelten Betrag? Weil schließlich gibt es genug Dollars in der Stadt.
Apropos „offene Karte“. Mitunter passiert es, dass wir in der hohen Partie Mutter und Sohn gemeinsam am Tisch haben. Das ist selbstverständlich für niemanden ein Problem und wenn es ein Problem wäre, würde erst recht niemand was zu sagen wagen. Jedenfalls am Turn waren Lussa G. und ihr Sohn Micha heads-up. Alle am Tisch haben es gemerkt, nur einer nicht. Jedenfalls, Mama Lussa hatte Nut Flush bis zum As – und deckt ihre Karten auf. Am River kommt irgendein Fetzen. Nuts bleibt Nuts und was macht der verlierende Sohn? Er spielt Pot, immerhin $4000. Das ganze Casino hat gelacht und es wurden tagelang Witze gemacht.
Aber wir spielen nicht nur gegeneinander. Es wird auch kollektiv und in fast friedlicher Eintracht gegen den Rest der Welt angetreten. Über dem Tisch ist ein großer Bildschirm und dann entern wir zum Beispiel ein $5000 Sit´n Go. Unglaubliche Action! Irgendwie beteiligt sich jeder. So nach dem Muster: Ich nehme 33%, ein anderer nimmt 25%, ein dritter beteiligt sich mit 10% und dann schreit der letzte: „Ich nehme die restlichen 40%“. Das Chaos ist somit vorprogrammiert, aber zuerst wird einmal gespielt. Ich hatte jetzt die ehrenvolle Aufgabe, zweimal Kapitän zu sein. Also theoretischer Letztentscheider mit der Pflicht, mich beraten zu lassen. Spätestens wenn der Turn kommt brüllen dann zwei „Pass“ und zwei „Raise“. Aber es melden sich auch Spieler, die gar keine Prozente haben – oder sagen wir es ukrainisch, die wahrscheinlich keine Prozente haben. Weil das wird ja endgültig erst am Schluss geklärt. Meine Bilanz ist auch da gut. Zweimal war ich Kapitän, einmal gewonnen und einmal zweiter Platz.
Gut gefallen hat mir auch folgende Floorman Entscheidung. Ein Spieler, nicht mehr der jüngste, aber offenbar gut in Form, ist an der Reihe. Gespielt waren $1000 bis zu ihm. Er nimmt drei $1000 Jetons, um lässig und in hohem Bogen ein kleines Raise zu platzieren. Irgendwie muss er sich aber am Turn verschaut haben oder es gab einen anderen Grund für seinen plötzlichen Sinneswandel. Jedenfalls ähnlich der Defense beim Beach-Volleyball startete er einen Hechtsprung über den Tisch. Einen Jeton konnte er fangen, einen weiteren immerhin mit einem beherzten Schlag außerhalb des Hoheitsgebiets des Filzes befördern und der letzte unschuldige 1000er war dann eben nur ein „Call“.
Von den üblichen Verdächtigen ist niemand in Odessa. Angeblich schwitzen die freiwillig irgendwo bei 47 Grad in der Wüste Nevadas. Dafür ist die baltische Internetlegende „OBG02“ vor Ort und zockt, was Platz hat. Sie nennen ihn jetzt auch „live“ schon „O.B.G.“. Vielleicht kann er sich den Namen bald sogar in den Pass eintragen lassen? Durchaus möglich mit etwas dollarmäßiger Unterstützung. – So das war es mal fürs Erste. Eigentlich wollte ich ja mehr über das Phänomen der ukrainischen Weiblichkeit berichten, aber jetzt habe ich mich ein wenig verplaudert. Extra für PokerOlymp werde ich also meine Recherchen intensivieren und das nächste Mal gibt es da einen ausführlichen Nachtrag. Bis dahin viel Spaß.